Das Thema „Kreislaufwirtschaft“ scheint auf den ersten Blick vor allem von globaler, langfristiger Bedeutung zu sein, betrifft aber viele Aspekte des täglichen Lebens und zeigt sich auch in kleinen Dingen. Wir dürfen aus Gründen der Nachhaltigkeit, aber auch aus Gründen von echter oder politisch motivierter Resourcenknappheit nicht mehr in einer Wegwerfgesellschaft leben. Die Relevanz für unsere Branche ist deswegen besonders hoch, weil wir mit der Galvano- und Oberflächentechnik etwas zur Kreislaufwirtschaft beitragen können. Wir arbeiten mit Stoffen, wir veredeln und behandeln Stoffe und wir sind es gewohnt, uns technisch immer wieder auf neue Gegebenheiten einzustellen und Fortschritt zu ermöglichen.
Beim zweiten, eng verwandten Thema „Stoffverbote“ ging es um Stoffe, die unsere Kreisläufe stören, oder garnicht in diese Kreisläufe gelangen sollten. Hier gibt es aktuelle Entwicklungen, regulatorisch wie auch technisch, im Bereich der sogenannten „Ewigkeitschemikalien“. Diese Stoffe können als „ewige Sackgasse“ im großen Kreislauf angesehen werden. Deren Einsatz ist damit berechtigt in der Kritik.
Recycling – Die Rolle der Elektrochemie
Als Keynote Beitrag konnte die DGO Dr. Lutz Wuschke (Scholz Recycling GmbH) gewinnen, der über die „Grenzen der Kreislaufwirtschaft“ referiert hat. Hierbei konnten die Teilnehmer eindrucksvoll sehen, was Recycling momentan praktisch bedeutet in Betrieben mit großen Schreddern und Bergen von mehr oder weniger werthaltigen Materialien. Herr Wuschke hat neben dem allgemeinen Überblick auch den Aspekt der galvanischen Beschichtungen auf zu verwertenden Materialien beleuchtet, die momentan von den Recyclern noch als eher störend empfunden werden.
Dr. Jens Krümberg (Eilenburger Elektrolyse- und Umwelttechnik GmbH) hat uns ein Verfahren zum Recycling von Beizlösungen beim Feinbeizen von Leiterplatten nähergebracht. In einem elektrochemischen Verfahren kann damit sowohl Kupfer als auch das oxidierende Beizmittel zurückgewonnen werden.
Daniel Siegmund und Michael Bohn vom Fraunhofer-Institut UMSICHT in Oberhausen bzw. IGB in Stuttgart haben elektrochemische Methoden vorgestellt, um aus Abwasser Wertstoffe zu gewinnen, namentlich organische Verbindungen und Biodiesel sowie Phosphorverbindungen als Dünger. Kritisch zu hinterfragen ist dabei immer die Energie- sowie Gesamt-Stoffbilanz.
PFAS – Beleuchtet aus verschiedenen Perspektiven
Ein sehr aktuelles Thema, das für reichlich Diskussionsbedarf gesorgt hat, ist ein drohendes Verbot und der mögliche Ersatz von PFAS aller Art.
Wie schwierig es ist, PFAS-haltige Netzmittel in Chrombädern zu ersetzen, haben Dr. Heinz Herberhold (HDO, Paderborn) und Dr. Lisa Büker (Kiesow, Detmold) in einem gemeinsamen Beitrag von Beschichter und Chemielieferant gezeigt. Durch diese beiden Perspektiven wurden gute und objektive Einblicke in die Problematik gewährt: Netzmittel, die PFAS funktional einigermaßen gut ersetzen können, neigen zu einem schnellen oxidativen Zerfall im Bad und müssen ständig nachdosiert werden.
Dr. Michael Schlipf (Fluorocarbon Polymer Solutions (FPS) GmbH, Burgkirchen) gab einen breiten Überblick über die Wichtigkeit der Fluorpolymere, die ja nach OECD-Definition ebenfalls als PFAS gelten. Fluorpolymere sind u.a. in der Anlagentechnik, auch in Galvanik-Betrieben, kaum wegzudenken. Anders als fluorierte Tenside können Bauteile aus Fluorpolymeren sortenrein gesammelt und dann gefahrlos hochtemperatur-verbrannt werden.
Unmittelbare, aber auch mittelbare Konsequenzen eines kompletten PFAS-Verbotes beleuchtete Dr. Arkadius Waleska (Hillebrand Chemicals GmbH). Sein Unternehmen hat PFAS beispielsweise selbst in Versiegelungen eingesetzt, würde aber auch indirekt betroffen sein, wenn Zulieferer kein PFAS mehr einsetzen dürften.
In letzter Minute konnte die DGO zum Top-Thema PFAS noch Elias Schluttenhofer und Oliver Dubielczyk (ARTUS München Versicherungsmakler GmbH) gewinnen, die über Versicherungsaspekte des PFAS-Einsatzes referierten. Während ein komplettes Verbot von PFAS in naher Zukunft unwahrscheinlich ist (siehe z.B. Aussagen hierzu im Koalitionsvertrag der neuen Regierung), werden aus Haftungsgründen sämtliche Schäden, die in irgendeinem Zusammenhang mit PFAS stehen von zukünftigen Policen ausgeschlossen werden. Das damit verbundene erhöhte unternehmerische Risiko ist ein weiterer Anreiz für einen PFAS-Ersatz.
Batterien – eine besondere Herausforderung für die Kreislaufwirtschaft
Gebrauchte Batterien werden in naher Zukunft ein Abfallstrom mit signifikantem Volumen sein. Während sie selbst elektrochemische Zellen mit Optimierungspotenzial bezüglich Materialeinsatz sind, kann auch bei der Rückgewinnung von Wertstoffen aus Batterien die Elektrochemie helfen. Dazu muss das Stoffgemisch zunächst aufgeschlossen werden. Dr. Sebastian Hippmann (Fraunhofer IKTS) hat uns hierfür „Hydrometallurgische Methoden für die Rückgewinnung kritischer Metalle“ vorgestellt.
Aus dem Blickwinkel eines Unternehmers hat Dr. Timo Siemers (Duesenfeld GmbH) über den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik im Bereich des Recyclings von Lithium-Ionen-Batterien referiert. Ernüchternd kann festgestellt werden, dass die wichtigen Bestandteile Lithium und Graphit wenig bis gar nicht zurückgeführt werden, wogegen Cobalt zwar recycelt wird, in neueren Batterien aber sowieso immer weniger zum Einsatz kommt.
Ein alternativer Ansatz ist, Lithium erst gar nicht in wiederaufladbaren Batterien zu benutzen. Über das mittlerweile sehr umfangreiche Thema der Post-Lithium-Batterien hat uns dazu Dr. Reinhard Böck (fem) einen exzellenten Übersichtsvortrag präsentiert.
Kreislaufwirtschaft und Stoffverbote im Alltag des Beschichters
Die BIA Kunststoff- und Galvanotechnik GmbH & Co. KG, Solingen hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Recycling von galvanisierten Kunststoffen beschäftigt. Hierzu hat Ullrich Gutgar als Vertretung von Dr. Felix Heinzler vorgetragen. Wie bereits im Übersichtvortrag von Herrn Wuschke erwähnt, ist die Abtrennung von Grundmaterial und metallischer Beschichtung schwierig, aber möglich. Die Bauteile aus recyceltem Kunststoff werden von den OEMs gut angenommen. Während die Rückführung von Ausschuss aus der Produktion problemlos ist, wurden aus dem Publikum Zweifel laut, ob dies bei Bauteilen von Autos am Ende ihrer Lebensdauer ebenso geht.
Eine Substanz, die seit Jahren immer mal wieder im Fokus der Gesetzgebung steht, ist die Borsäure. Dr. Robert Gerke (riag, Schweiz) konnte berichten, dass der Ersatz von Borsäure in Glanznickel-Elektrolyten, auch ohne regulatorischen Zwang, zu technischen Verbesserungen führen kann. Für die Zukunft wird auch an Borsäure-freien dreiwertigen Chrom-Elektrolyten gearbeitet.
Nach den Beiträgen aus der dekorativen Galvanotechnik hat Dr. Michael Schem (MacDermid Enthone Industrial Solutions/Coventya GmbH, Gütersloh) vom nachhaltigen Materialeinsatz in Korrosionsschutzsystemen berichtet. In organischen Versiegelungen werden üblicherweise Rohstoffe mit Vorläufern aus fossilen Quellen verwendet. Durch intensive Forschungsarbeit konnten diese mittlerweile größtenteils durch sogenannte „nachwachsende“ Rohstoffe ersetzt werden.
DGO-Nasser-Kanani-Preis verliehen
Im Rahmen des 46. Ulmer Gesprächs wurde zum vierten Mal der DGO-Nasser-Kanani-Preis verliehen. Gestiftet wurde er von Prof. Dr.-Ing. habil. Nasser Kanani, Professor an der TU Berlin und unter anderem auch Gastprofessor am MIT Massachusetts Institute of Technology. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Beiträge in Fachzeitschriften veröffentlicht, etliche Lehrbücher über sein Fachgebiet Galvanotechnik verfasst und wurde mehrfach für seine wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet.
Der DGO-Nasser-Kanani-Preis wird jährlich für junge Forschende aus dem deutschsprachigen Raum unter besonderer Berücksichtigung der Nachhaltigkeit für Arbeiten vergeben, die dem Fortschritt der elektrochemischen Oberflächentechnik dienen.
Der Preis ging in diesem Jahr an Herrn Marius Michael Engler, Technische Universität Ilmenau, für seine Arbeiten zu Eisen-basierten Redoxflussbatterien.
SAVE THE DATE 47. Ulmer Gepräch 2026
Das kommende 47. Ulmer Gespräch findet am 20./21. Mai 20226 wieder im Stadthaus Ulm statt.